Zwei Ansatzpunkte zum Thema Literatur:

Alina von According to Alina diskutiert die Meinung, dass Literatur heute weniger gut sei als früher
Ian, von Write Conscious, kommt genau zu einem gegenteiligen Schluss.
Da geht es nicht darum, dass Literatur sich zu sehr dem Publikum hinwendet, sondern es geht darum, dass Literatur sich abgewandt hat vom Publikum. Das die ernste Literatur, dass sie ihre goldene Zeit hatte und es sich bequem gemacht hat und irgendwann aufgehört hat, für ein Publikum zu schreiben. Sie ist selbstreferenziell geworden, sodass immer weniger Leute sich in dieser Literatur aufgehoben fühlten.
Und der Markt wurde dann der Unterhaltungsliteratur überlassen, die eben auch nichts anderes will als unterhalten. Aber seiner Meinung liegt das Verändernde, das wirklich Bewegende in der ernsthaften Unterhaltung, die aber häufig eher ins abgewandte Labyrinthische gegangen ist.
Thomas Pynchon, Don DeLillo, David Foster Wallace sind Beispiele für Schriftsteller, die eine Literatur auf hohem Niveau geschrieben haben oder noch immer schreiben. Zugleich aber vergessen sie ihr Publikum nicht, schreiben prinzipiell verständlich und nachvollziehbar.
Ian (der Youtuber) sagt aber auch, dass auf einen von diesen Autor:innen zahllose Autorinnen kommen, die das eben nicht machen. Sondern sich mit einer Art Kunstnebel umgeben.

Erreicht mich denn noch Literatur?

Ich war in meinen Zwanzigern wirklich an Literatur interessiert. Ich war echt daran interessiert, was mir die Bücher zu sagen haben. Und irgendwann war ich wirklich abgestoßen.
Ein Beispiel dafür ist der Roman 2666. Der wurde damals hochgelobt. Ich bin damals extra durch drei Stadtteile gefahren, weil die Bibliothek dort den Roman noch hatte (Gut, ein Freund von mir wohnte in der Nähe). Ich bin begeistert eingestiegen und war irgendwann wahnsinnig genervt. Nicht von der Geschichte her, die war ok soweit ich mich erinnere. Sondern weil ich das Gefühl hatte, der Autor handelt absichtlich gegen mein Interesse als Leser.
Von der Atmosphäre her war es so: Wenn es zwei Türen gab und hinter einer Tür offensichtlich ein Geheimnis verborgen war, ging der Protagonist hundertprozentig durch die andere Tür. Nicht aus Gründen der Logik. Sondern weil es den Erwartungen des Publikums, meiner Erwartungen entspräche, diese geheimnisvolle Tür zu öffnen. Also vielleicht doch aus Gründen der Logik. Aber aus den falschen! Für mich zumindest. Ich weiß, dass viele Leute den Roman wirklich mögen. Wenn das so ist, dann ist das mehr als ok so. Besser 600+ Seiten zu genießen, als sich mit so viel negativen Kram aufzuladen, wie das damals bei meiner Lektüre war.
Irgendwann habe ich Literatur allgemein so empfunden, zeitgenössische Literatur. Als absichtliche Irreführung. Das hört sich jetzt alles ganz unkünstlerisch an. Und es natürlich auch viel zu allgemein. Ich kenne und kannte im Gesamtverhältnis zeitgenössische Literatur eigentlich gar nicht. Aber was will man gegen seine eigenen Urteile machen? Zumal, wenn sie wütend gefällt werden. Vielleicht habe ich einfach nicht verstanden.
Bei vielen Geschichten, die ich angefangen habe, hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Autorinnen sich einfach selber gut finden.
Ich habe mal eine Karikatur gesehen, wo ein Typ mit Bierbauch in einer Kunstausstellung vor einem Bild steht und einem anderen erklärt: "Wir haben dieses Trinkspiel. Jedes Mal, wenn ein Künstler sagt, er möchte gegen die Regeln verstoßen und Sachen anders machen, trinken wir einen."
Handelt es sich dabei um Kunst für Kunst? Denn schlussendlich ist das ja das Konzept, dass Kunst niemandem gefallen muss, sondern eigentlich nur für sich selber da sein kann.
Ein schwieriges Konzept, denn Kunst soll doch eigentlich für Menschen da sein, damit die die Chance bekommen, irgendwas damit zu machen. Ansonsten ist das ja eher Natur. Der Stein ist ein Stein. Ein Baum ist ein Baum. Die machen nichts für den Menschen. Und ob wir das als Menschen gut oder schlecht finden, ist eben auch egal.
Aber ein Kunstwerk, das von einem Menschen hergestellt wurde, kann sich eigentlich nicht vom Menschsein verabschieden. Das muss doch weiterdenken und aus altem Wissen neues Wissen machen. Oder zumindest ermöglichen. Zu funktional gedacht?
Ich bin vielleicht ein U-Lit Typ.
Und nichtsdestotrotz finde ich aber auch: David Foster Wallace hat mit Unendlicher Spaß wirklich abgeliefert. Das war Literatur, die mich fasziniert hat. Es war experimentell, aber auch die ganze Zeit zugänglich. Es wurde einfach eine Geschichte erzählt. Es waren abgefahrene Ideen, nicht abgefahrene Formen.
Bei Thomas Pynchon ganz ähnlich. Ich finde, dass Against the Day zu lang ist. Dennoch ist der Roman zugänglich, voller guter Ideen.
Lichtspiel von Daniel Kehlmann ist brilliant.